Die Gretchenfrage der IT: Cloud oder On-Premise?
Kaum eine Frage spaltet deutsche IT-Abteilungen so sehr wie die Cloud-Entscheidung. Auf der einen Seite Innovationsversprechen und Flexibilität, auf der anderen Seite Bedenken zu Kosten, Datenschutz und Kontrollverlust.
Dieser Artikel liefert eine ehrliche Analyse – ohne Cloud-Euphorie, aber auch ohne Legacy-Verklärung.
Total Cost of Ownership: Der vollständige Blick
On-Premise: Die versteckten Kosten
Viele Unternehmen unterschätzen die wahren Kosten von On-Premise-Infrastruktur:
Direkte Kosten:
- Hardware-Anschaffung (Server, Storage, Netzwerk)
- Rechenzentrum (Miete, Strom, Kühlung)
- Software-Lizenzen
- Wartungsverträge
Indirekte Kosten (oft vergessen):
- Personal für Betrieb und Administration
- Überkapazität für Spitzenlasten (typisch 30-50%)
- Hardware-Refresh alle 4-5 Jahre
- Disaster Recovery-Infrastruktur
- Schulungen und Zertifizierungen
Opportunitätskosten:
- Kapitalbindung statt Investition in Kerngeschäft
- Langsamere Time-to-Market
- Eingeschränkte Skalierungsfähigkeit
Cloud: Die unterschätzten Kosten
Auch Cloud-Kosten werden regelmäßig falsch eingeschätzt:
Unterschätzte Positionen:
- Datenausgangskosten (Egress) – können dramatisch werden
- Premium Support-Verträge (für Enterprise unerlässlich)
- Reserved Instances (die man dann doch nicht nutzt)
- Managed Services (bequem, aber teuer)
- Training und Umschulung
Risiken:
- Unkontrolliertes Wachstum ohne FinOps
- Vendor Lock-in erhöht Wechselkosten
- Preiserhöhungen (AWS hat 2024 Storage um 35% erhöht)
Realistischer Kostenvergleich
Beispiel: Mittelständisches Unternehmen, 50 VMs, 20 TB Storage
| Kostenposition | On-Premise (5 Jahre) | Cloud (5 Jahre) |
|---|---|---|
| Hardware/Compute | 180.000€ | 420.000€* |
| Storage | 40.000€ | 85.000€ |
| Netzwerk | 25.000€ | 65.000€ (Egress) |
| Lizenzen | 120.000€ | Inkludiert |
| Rechenzentrum | 150.000€ | Entfällt |
| Personal (2 FTE) | 800.000€ | 400.000€ (1 FTE) |
| Disaster Recovery | 100.000€ | 50.000€ |
| Gesamt | 1.415.000€ | 1.020.000€ |
*Bei optimaler Nutzung von Reserved Instances und Spot
Aber: Diese Zahlen variieren stark je nach:
- Auslastungsmuster (Cloud gewinnt bei variablen Lasten)
- Datenvolumen (On-Premise gewinnt bei hohem Egress)
- Vorhandener Infrastruktur (Brownfield vs. Greenfield)
Risikobewertung: Was wirklich zählt
Datensouveränität
On-Premise:
- Volle Kontrolle über Daten
- Compliance intern prüfbar
- Kein Zugriff durch Dritte
Cloud:
- Daten bei externem Anbieter
- CLOUD Act (für US-Anbieter relevant)
- Abhängigkeit von Anbieter-Compliance
Realität: Große Cloud-Anbieter investieren mehr in Security als die meisten Unternehmen selbst können. Aber: Kontrolle ≠ Sicherheit.
Verfügbarkeit
On-Premise:
- Selbst verantwortlich für Uptime
- Oft Single-Site (kein Geo-Redundanz)
- Typische Verfügbarkeit: 99,5-99,9%
Cloud:
- SLAs oft 99,95-99,99%
- Multi-Region möglich
- Aber: Großflächige Ausfälle möglich (AWS us-east-1, Azure AD)
Realität: Cloud bietet tendenziell höhere Verfügbarkeit, aber neue Failure Modes.
Skalierbarkeit
On-Premise:
- Kapazität muss vorab geplant werden
- Scaling-Time: Wochen bis Monate
- Peaks = entweder Überkapazität oder Ausfall
Cloud:
- On-Demand-Skalierung in Minuten
- Pay-per-Use für variable Lasten
- Elastizität für saisonale Geschäfte
Realität: Für variable Workloads ist Cloud unschlagbar.
Abhängigkeiten (Lock-in)
On-Premise:
- Hardware-Zyklen (alle 4-5 Jahre Austausch)
- Software-Abhängigkeiten (Oracle, VMware)
- Interne Prozess-Abhängigkeiten
Cloud:
- Proprietäre Services (Lambda, DynamoDB, BigQuery)
- Daten-Egress-Kosten bei Wechsel
- Umschulungsaufwand
Realität: Lock-in existiert in beiden Welten. Der Unterschied: Cloud-Lock-in ist schneller aufgebaut.
Hybrid und Multi-Cloud: Der Mittelweg?
Hybrid Cloud
Kombination aus On-Premise und Cloud:
flowchart TB
subgraph Hybrid["Hybrid Architecture"]
subgraph OnPrem["On-Premise"]
A1["Sensitive Data"]
A2["Legacy Apps"]
A3["Low-Latency
Requirements"]
end
subgraph Cloud["Cloud"]
B1["Variable Workloads"]
B2["New Development"]
B3["Disaster Recovery"]
B4["Burst Capacity"]
end
end
OnPrem <-->|"VPN / Direct Connect"| CloudVorteile:
- Best of Both Worlds
- Schrittweise Migration möglich
- Daten bleiben intern, Compute in Cloud
Nachteile:
- Höchste Komplexität
- Zwei Skill-Sets nötig
- Netzwerk-Latenz zwischen Standorten
Multi-Cloud
Nutzung mehrerer Cloud-Provider:
Vorteile:
- Reduzierter Lock-in
- Best-of-Breed-Services
- Höhere Verhandlungsmacht
Nachteile:
- Noch höhere Komplexität
- Mehrere Skill-Sets
- Keine einheitlichen Tools
Realität: Echte Multi-Cloud (gleiche Workloads auf mehreren Clouds) ist selten sinnvoll. Pragmatischer: Verschiedene Workloads auf verschiedenen Clouds.
Entscheidungsframework
Wann On-Premise sinnvoll ist
- Regulatorische Anforderungen erzwingen lokale Datenhaltung
- Extrem hohe Datenvolumen machen Egress-Kosten prohibitiv
- Niedrige Latenz ist geschäftskritisch
- Stabile, vorhersagbare Workloads ohne Skalierungsbedarf
- Bestehende, bezahlte Infrastruktur mit Restlaufzeit
Wann Cloud sinnvoll ist
- Variable Workloads mit Peak-Zeiten
- Schnelles Wachstum erwartet
- Globale Präsenz erforderlich
- Innovation und Experimente wichtig
- Fachkräftemangel für Operations
Wann Hybrid sinnvoll ist
- Schrittweise Migration von Legacy
- Mixed Requirements (Compliance + Innovation)
- Disaster Recovery Strategie
- Data Residency für bestimmte Daten
Cloud-Adoption richtig machen
Die häufigsten Fehler
Fehler 1: Lift-and-Shift ohne Optimierung
VMs 1:1 in die Cloud zu heben ist teuer. Cloud-Native-Refactoring spart langfristig.
Fehler 2: Keine FinOps-Strategie
Ohne Kostenkontrolle explodieren Cloud-Ausgaben. FinOps ist nicht optional.
Fehler 3: Unterschätzte Komplexität
Cloud ist anders, nicht einfacher. Investieren Sie in Training.
Fehler 4: Ignorierte Security
Shared Responsibility heißt: Sie bleiben verantwortlich.
Best Practices für die Migration
- Start small: Proof of Concept mit unkritischem Workload
- Measure everything: Baseline vor Migration, Vergleich danach
- Train your team: Cloud-Zertifizierungen für Kernteam
- Automate from day 1: Infrastructure as Code, CI/CD
- Plan for exit: Vermeiden Sie unnötigen Lock-in
Deutsche Besonderheiten
Datenschutz und DSGVO
Cloud-Nutzung ist DSGVO-konform möglich:
- Deutsche oder EU-Rechenzentren wählen
- Auftragsverarbeitungsvertrag (AVV) abschließen
- Technische Maßnahmen dokumentieren
Cloud-Made-in-Germany
Alternativen zu US-Hyperscalern:
- IONOS: Deutscher Provider, DSGVO-nativ
- Open Telekom Cloud: T-Systems, OpenStack-basiert
- Hetzner Cloud: Günstig, Performance-orientiert
- Plusserver: Enterprise-fokussiert
Trade-off: Weniger Features, weniger Skalierung, aber volle Datensouveränität.
Mittelstands-Realität
Viele deutsche Mittelständler haben spezifische Anforderungen:
- Langfristige Investitionszyklen (10+ Jahre)
- Konservative IT-Entscheidungen
- Starker Fokus auf Operational Excellence
- Weniger Experimentierdrang
Cloud-Adoption sollte diese Realität respektieren – schrittweise, nicht revolutionär.
Fazit: Es gibt keine pauschale Antwort
Die Cloud vs. On-Premise-Entscheidung ist keine ideologische, sondern eine geschäftliche Frage.
Kernerkenntnisse:
- TCO-Vergleiche müssen vollständig sein (inkl. Personal, Opportunitätskosten)
- Risiken existieren in beiden Welten
- Hybrid ist oft die praktische Realität
- Die richtige Antwort hängt vom Kontext ab
Unsere Empfehlung für deutsche Unternehmen:
- Analysieren Sie Ihre Workloads individuell
- Berechnen Sie TCO realistisch (5-Jahres-Horizont)
- Bewerten Sie Risiken gewichtet nach Geschäftsrelevanz
- Starten Sie mit einem Piloten statt Big Bang
- Planen Sie Exit-Optionen von Anfang an
Sie stehen vor der Cloud-Entscheidung? Wir unterstützen Sie mit einer objektiven Analyse Ihrer spezifischen Situation – unabhängig von Cloud-Provider-Interessen.